Mein Leben als Student in Münster war total gescheitert.
Ohne Ausbildung, ohne Job und ohne eigene Wohnung zog ich wieder zu meiner Mutter.
Im Grunde ging das gar nicht.
Klar, ich durfte meine Mutter bis zu sechs Monate besuchen,
aber offiziell bei ihr einziehen konnte ich nicht.
Dafür war ihre Wohnung viel zu klein und auch der Vermieter hätte Probleme gemacht.
Zuerst musste ein Job her.
Man muss ja irgendwie Geld verdienen.
Als ungelernte Kraft Arbeit zu finden ist gar nicht so leicht,
auch wenn es damals bestimmt noch einfacher war als es Heute ist.
Ein Subunternehmen eines bekannten Zustelldienstes suchte Auslieferungsfahrer.
Nach nur einem Anruf konnte ich dort anfangen.
Puh, war das eine Maloche.
Morgens, gegen 4 Uhr, ging es mit Kollegen nach Krefeld.
Ab 5 Uhr lief dort das lange Transportband an.
Ähnlich wie die Kofferausgabe am Flugplatz musste jeder Fahrer die Pakete für seine Tour vom Band nehmen, dann sortieren und schließlich in den Transporter räumen. Wahrscheinlich gab es auch damals schon Regeln zur Transportsicherung, doch die interessierten hier niemanden. Hauptsache die Pakete fanden ihren Weg in die Transporter. Gegen 9 Uhr wurden dann die Motoren gestartet und es ging für mich etwa 70 Kilometer über die Autobahn bis nach Bocholt. Moderne Navigationsgeräte gab es zu dieser Zeit noch nicht. Unbekannte Adressen musste ich per Strassenkarte finden. In den nächsten Stunden wurden die Pakete ausgeliefert. Immer einen legalen Parkplatz finden war gar nicht möglich. Waren alle Pakete ausgeliefert, so ging es zurück nach Krefeld. Normal traf ich dort gegen 18 Uhr ein. Bis ich dann mit öffentlichen Verkehrsmitteln wieder in Geldern an kam wurde es 20 Uhr. Den ganzen Tag über war ich in Bewegung. Wie müde ich war merkte ich gar nicht. Zuhause angekommen kam ich zur Ruhe und schon überkam mich auch die Müdigkeit. Meine Mutter wollte mir ein ordentliches Essen zubereiten, doch manchmal schlief ich schon bevor das Essen fertig war.
Am nächsten Morgen ging es wieder los.
Nach 14 Tagen wollte ich von einem Kunden wegfahren. Dabei musste ich eine kleine Rampe rauf fahren. Der Wagen rollte ein kleines Stück zurück und schon war es passiert. Ich war mit dem Transporter leicht gegen das Gebäude gekracht. Am Fahrzeug entstand eine kleine Beule. Da ich ein ehrlicher Mann bin, berichtete ich meinem Chef von dem Malheur. Für ihn war es Grund genug für eine fristlose Kündigung. 14 Tage hatte ich für ihn gearbeitet und natürlich wollte ich auch Lohn haben. Klar gibt es Lohn, meinte der Chef, aber nur wenn ich den Schaden am Fahrzeug bezahlen würde.
Naja, ich verbuchte diese ganze Geschichte als eine Erfahrung
und war im Grunde froh diesen Job los zu sein.
Somit war ich leider wieder ohne Arbeit.
Im Mai 1990 fand ich eine Anstellung als Maschinenbediener bei einer Firma in Straelen.
Die Entfernung von Geldern nach Straelen beträgt zwar nur gute 10 Kilometer, doch
die Verbindungen mit öffentlichen Verkehrsmitteln waren auf dem Land nicht wirklich gut.
Da ich im 3-Schichten-System arbeitete hatte ich ein Problem.
Mit dem Bus konnte ich nicht rechtzeitig zur Frühschicht kommen
und nach der Spätschicht gab es keine Verbindung mehr zurück.
Also fuhr ich die Strecke täglich mit dem Fahrrad.
Die Arbeit war ganz okay.
Wir produzierten Diarahmen.
Dazu wird Kunststoffgranulat auf über 200 Grad erhitzt und dadurch flüssig gemacht.
Dann wird der Kunststoff in eine Stahlform gespritzt und sehr schnell abgekühlt.
Der Kunststoff wird hart und fertig ist der Diarahmen.
Wegen der Spritzgussmaschinen herschten in der Arbeitshalle immer,
auch im tiefsten Winter, Temperaturen von über 35 Grad.
Außerdem war es sehr laut.
Offiziell sollte ein Gehörschutz getragen werden, doch das wurde meistens ignoriert.
Die Arbeit war ganz okay.
Nur das 3-Schichten-System war nicht so toll.
Gerade die Nachtschicht war bei meinen Kollegen sehr unbeliebt.
Mir gefiel es Nachts zu arbeiten.
Wir waren maximal drei Kollegen in der ganzen Firma
und ein Vorgesetzter ließ sich nur extrem selten sehen.
Wir Kollegen tauschten unsere Schichten und
so habe ich rund zwei Jahre nur in der Nacht gearbeitet.
So vergingen die Tage, Wochen, Monate und Jahre.
Klar, ich hatte Kollegen, aber Freunde hatte ich nicht.
Im Grunde wollte ich das auch gar nicht.
In meinen Gedanken war ich immer wieder bei Heike.
Sie vermisste ich wirklich.
Regelmäßige Arbeit bringt auch regelmäßige Einkünfte
und so konnte ich mir schon bald eine eigene Wohnung leisten.
Gerne wäre ich nach Straelen, näher zum Arbeitsplatz, gezogen.
Doch ich fand eine kleine Wohnung in Geldern.

Täglich konnte ich diese Aussicht genießen.
Ganz in der Nähe meiner Wohnung lag
ein kleines Waldgebiet mit dem Holländer-See.
Dort konnte ich spazieren gehen,
meine Seele baumeln lassen
oder versuchen Klarheit und Ordnung
in meine Gedanken zu bekommen.
Ein Mal im Jahr,
jeweils zu Pfingsten,
findet in Geldern die größte Kirmes
am linken Niederrhein statt.
Dann tobt dort der Bär, wie man so sagt.
Mir waren und sind fast leere Plätze,
ohne Menschenmengen, viel lieber.
Anfang 2000 wurden mir vermögenswirksame Leistungen ausgezahlt. Es war zwar nicht sehr viel Geld, doch bevor ich es sinnlos verzocke wollte ich es lieber sinnvoll verwenden. Ich kaufte mir ein kleines Motorrad und meinen ersten Computer.
Seit meiner Teenagerzeit hatte ich bereits einen ATARI 800 XL. Der ähnelte dem C64, nur war er eben von einer anderen Firma und nicht so bekannt. Es hatte immer sehr viel Spass gemacht damit zu arbeiten. Nur selten nutzte ich ihn zum spielen. Programmieren eigener Ideen war viel interessanter.
Ein richtiger PC ist natürlich eine ganz andere Hausnummer. Das merkte ich recht bald.
Mit dem neuen Computer lernte ich auch das Internet kennen.
Bei Yahoo gab es einen Chat.
Hier konnte ich mich ganz anders geben, als ich in der Realität war.
Mit anderen, mir völlig unbekannten, Menschen schreiben war toll.
Ich konnte sogar, mit falscher Identität, Blödsinn machen.
Eine Funktion in diesem Chat war eine Liste fertiger Sätze.
Also z.B. Begrüßungsformeln, damit man diese nicht immer wieder neu tippen musste. Ein Klick genügte und der ausgewählte Spruch wurde, wie eingetippt, im Chat angezeigt. Es war recht simpel dieser Liste mit neuen, eigenen Sprüchen zu erweitern. Mit etwas HTML konnten sogar Schriftart, Größe und Farbe geändert werden.
Ich erschuf eine Liste mit Sätzen in denen einzelne Worte durch Bilder des Zeichensatzes "Webdings" ersetzt waren und präsentierte sie im Chat. Die anderen Chatteilnehmer fanden meine bebilderten Sprüche einfach nur super und wollten sie unbedingt auch haben.
Anfangs habe ich die Liste direkt an andere Personen weitergegeben, doch meine bebilderten Sprüche gingen wie ein Lauffeuer durch den ganzen Yahoo-Chat. Fast jeder wollte sie nutzen können. Eine eigene Homepage musste her, damit sich jeder diese Sätze besorgen konnte.
So entstand meine erste Homepage "webdings-info".
Heute gibt es diese Seite nicht mehr.

 
Eines Tages wurde ich zu meinem Abteilungsleiter bestellt.
Er meinte, ich könne aus der Produktion ins Lager wechseln.
Der Lagermeister würde bald in Rente gehen und ich könnte seinen Posten haben,
natürlich mit mehr Geld, aber auch mit mehr Verantwortung.
Für mich hieß das, dass ich keine drei Schichten mehr machen brauchte.
Täglich zwei Fahrten mit dem Firmenwagen zur Post, gehörten zu meinen Aufgaben,
genauso wie andere Auslieferungsfahrten
oder die Nutzung des Gabelstaplers um LKWs zu be- und entladen.
In jeder Firma gibt es Personen, die Vorgesetzte sind,
oder meinen, sie hätten etwas zu sagen.
Genau mit diesen Menschen musste ich nun täglich umgehen.
Obwohl ich bereits zehn Jahre zur Firma gehörte,
kannten mich nur die wenigstens.
Zu meinem Glück bin ich ein umgänglicher Mann
und sie lernten mich recht schnell kennen und schätzen.
Natürlich gab es in der Firma Computer, nur leider im Lager nicht.
Alle Bestandsänderungen wurden noch per Hand in ein Buch eingetragen.
Brauchte irgendjemand innerhalb der Firma den Bestand eines Produktes,
so klingelte im Lager das Telefon
und es musste ein Blick in dieses Buch geworfen werden.
Das war nicht nur lästig, sondern auch eine ständige Arbeitsunterbrechung.