1984 nahm ich das Formular der ZVS (Zentrale Vergabestelle für Studienplätze)
und füllte es aus. Das Studienfach war mir total egal.
Heute weiß ich, dass das ein riesiger Fehler war.
Zumindest kam ich so von Zuhause weg und
erhielt einen Studienplatz für Volkswirtschaftlehre in Münster.
Im Frühjahr 1985 zog ich dann nach Münster.
In Universitätsstädten ist die Wohnungssuche ein echtes Problem.
Als Student hat man nicht viel Geld.
Zusätzlich suchen ständig sehr viele Personen eine Bleibe.
Das nutzen sehr viele Vermieter aus und
bieten die unmöglichsten Räume als Wohnraum für Studenten an.
Mein erstes Studentenzimmer war ein Kellerraum.
Relativ dunkel war es dort und stellte ich mich auf meine Zehenspitzen,
so berührte mein Kopf die Zimmerdecke.
Dafür war es echt preiswert und die Vermieterin bot mir sogar an,
durch gelegentliche Gartenarbeiten noch etwas Geld zu verdienen.
Im Erdgeschoß dieses Hauses wohnte die Vermieterin.
Außerdem lebten im Obergeschoss noch zwei weitere Studenten
und die Tochter der Hauseigentümerin.
Eines Abends, ich war eigentlich schon im Bett, klopfte es an meiner Türe.
Als ich öffnete stand dort die Tochter.
In Münster fände gerade ein Greenpeace-Treffen statt, meinte sie,
und weil ich doch ein Auto hätte, könnte ich sie bestimmt schnell dort hin bringen.
Hab ich ein Taxi ???
Irgendwie wimmelte ich sie ab.
Zu meinem Glück brauchte ich dort nur wenige Wochen wohnen,
dann erfolgte mein Umzug in ein Studentenwohnheim.
Oh man, war das ein Unterschied.
Erst dieses dunkle Loch im Keller und nun ein helles tolles Zimmer.
Das Leben als Student im Grundstudium war einfach klasse.
Okay, ich sollte Vorlesungen besuchen, doch was bringt es wenn etwa 1.000 Studenten in einem Saal sitzen und ein Professor aus seinem Buch vorliest ?
Das Buch musste ich mir kaufen und konnte auch Zuhause, im stillen Kämmerlein, lesen.
Diese Vorlesungen waren die reine Zeitverschwendung und viele habe ich auch nicht besucht.
Im Wohnheim gab es nette Nachbarn und so fand ich immer jemanden zum reden.
Ich konnte tun und lassen was ich wollte.
Ja, ich gebe zu, viel studiert habe ich nicht.
Lediglich das Fach EDV fand ich interessant.
Bitte bedenke, das war im Jahre 1985.
Da gab es noch keine Smartphones.
Im EDV-Kurs lernte ich etwas von Binärzahlen
und wie ich simple Programme in BASIC schreibe.
Bevor die meisten Studenten über Weihnachten zu ihren Familien fahren,
sollte noch eine große Party stattfinden.
Es war am Donnerstag, dem 12.12.1985.
Etwa gegen 20 Uhr ging ich zu dieser Party.
Der Raum war noch fast leer.
Also ging ich wieder in mein Zimmer und setzte mich vor den Fernseher.
Gegen 23 Uhr klopfte mein Zimmernachbar Otto bei mir.
Ob ich nicht Lust hätte mit ihm diese Party zu besuchen.
Ohne große Anstrengung konnte er mich überreden.
Wir tranken ein Bier und mischten uns ins Getümmel.
Der Raum war inzwischen richtig voll.
Es war bereits nach Mitternacht als auf der Tanzfläche plötzlich diese Frau vor mir stand. Lange dunkle, leicht gelockte Haare, ein hübsches Gesicht und mit einem mittelblauen Overall bekleidet, der ihre Figur betonte.
"Ganz schön laut hier", meinte sie zu mir.
Ich kannte sie nicht,
hatte sie vor diesem Abend noch nie gesehen
und trotzdem legte ich einfach meine Hände sanft auf ihre Ohren, zog sie zu mir heran und küsste diese Frau. Sie erwiderte den Kuss und so knutschten wir mitten auf der Tanzfläche.
Alles, um mich herum, war verschwunden.
Es gab nur noch mich und diese Frau in meinen Armen.
Ich habe keine Ahnung wie lange diese Knutscherei gedauert hat, doch danach gingen wir gemeinsam in mein Zimmer. Erst dort habe ich ihren Namen "Heike" erfahren.
Für viele Menschen ist Freitag der 13te ein Unglückstag.
Seit den Geschehnissen dieser Nacht habe ich mein ganz eigenes Verhältnis zu so einem Datum.
Es war genau so gekommen, wie ich es mir seit der Pubertät vorgestellt hatte.
Ich hatte meine Traumfrau gefunden.
Den Rest der Nacht erlebte ich wie in Trance.
Selbst als ich später die Brötchen für unser gemeinsames Frühstück holte,
war ich noch total berauscht.
Das kam aber bestimmt nicht von dem einen Bier, das ich getrunken hatte.
Nach dem Frühstück ging Heike in ihr eigenes Zimmer.
Sie wohnte auch in diesem Wohnheim, nur im Nachbarblock.
Otto erschien bei mir.
Warum ich denn so schnell von der Party verschwunden sei, wollte er wissen.
Ich erzählte ihm die Geschichte und er holte mich in die Realität zurück.
"Habt ihr euch wenigstens geschützt ?" fragte er.
Es gäbe auch Studentinnen, die es nur darauf anlegen schwanger zu werden.
Ups, daran hatten weder Heike noch ich gedacht.
Etwas später war Heike zurück und wir verbrachten zusammen den Rest des Tages.
Am Samstag wurde ich von meinem Schwager Peter nach Geldern geholt.
Von dort aus ging es weiter zu meiner Schwester nach Lohmar.
Über die Weihnachtsfeiertage war ich nicht in Münster,
doch meine Gedanken waren ständig bei Heike.
Nach den Feiertagen sahen wir uns endlich wieder.
Von nun an waren wir ein echtes Liebespaar und das sollten auch ruhig alle wissen.
Sylvester ging es als Paar zu einer Party von einer ihrer Freundinnen.
Um Mitternacht gingen alle nach Draußen und machten ein Feuerwerk.
Heike und ich setzten uns auf ein Sofa,
nahmen uns in die Arme und hatten ein eigenes Feuerwerk in unseren Köpfen.
Wir waren glücklich und wollten für immer zusammen bleiben.
Am Freitag 13.Juni 1986 haben wir uns verlobt.
Im Grunde war ich zu dieser Zeit nicht wirklich religiös.
Okay, als Kind wollte ich mal Priester werden
und hatte mich auch auf eigenen Wunsch taufen lassen.
doch irgendwann war mein Verhältnis zur Kirche eingeschlafen.
Ich habe es nie einer Person erzählt, auch Heike hat es nicht erfahren,
aber ich bin damals in Münster in eine Kirche gegangen.
Vor dem Altar kniend danke ich Gott.
In einem Gebet versprach ich,
Heike immer zu lieben und zu ehren, solange ich lebe.
Natürlich könnte ich aus der Zeit mit Heike diverse kleine Geschichten erzählen.
Allerdings möchte ich mir das ersparen.
Auch für mich sind die Erinnerungen an Heike nicht leicht.
Während ich diese Zeilen tippe, stehen mir die Tränen in den Augen.
Im Sommer 1987 verbrachten wir einen ganz normalen Sonntag.
Wir hatten gemeinsam zu Abend gegessen und das Geschirr gespült.
Heike meinte, sie müsse mit mir reden.
Dann zog sie den Verlobungsring vom Finger und gab ihn mir.
Sie drehte sich um und verließ mich.
Für mich brach eine Welt zusammen.
Natürlich suchte ich ein klärendes Gespräch, doch Heike gab mir keine Chance dazu.
Gelegentlich kam sie in Begleitung einer Freundin zu mir um einzelne Sachen,
die ihr gehörten, zu holen.
Wann immer sich die Türe hinter ihr schloss musste ich heulen.
Irgendwann konnte ich einfach nicht mehr.
Alle ihre Sachen packte ich zusammen und legte sie vor Heikes Zimmertür.
Wirklich gesehen, oder sogar gesprochen, habe ich Heike nie wieder.
Bis Heute kenne ich die genauen Gründe für diese Trennung nicht.
Jeder andere junge Mann hätte sich wahrscheinlich schon bald nach einer anderen Freundin umgesehen, doch ich bin da anders.
Wenn ich nicht mit Heike glücklich sein durfte, so wollte ich niemals wieder glücklich werden.
Es entstanden hohe und dicke Mauern um mein Herz.
Niemals wieder sollte eine Person mein Herz berühren.
Mein Leben in Münster ging weiter.
Das Studium war ein Witz.
Offiziell war ich Student, doch studiert habe ich nicht.
Ich lebte einfach in den Tag hinein und war jeden Abend froh,
wieder einen Tag geschafft zu haben.
Ein paar sympathische Frauen lernte ich kennen.
Wann immer eine Art Freundschaft hätte entstehen können,
wurde es von mir sofort abgeblockt.
So verging ein Tag und noch ein Tag und noch ein weiterer Tag.
Erst im Herbst 1989 musste ich einsehen, dass es so nicht weiter gehen konnte.
Ein kompletter Neuanfang musste her, doch wie sollte das funktionieren ?
Meine Mutter hatte sich inzwischen von meinem Vater getrennt
und lebte nun in Geldern, ganz in der Nähe meiner Schwester Marianne.
Nach einem Gespräch mit meiner Mutter fassten wir den Entschluß,
dass ich zumindest für kurze Zeit zu ihr ziehen könnte.
So kam es zu meinem Umzug von Münster nach Geldern.